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Aus der FTD-online vom 5.9.2001
Der Niedergang des traditionsreichen Fachs in Deutschland ist für viele Studenten ein Segen und für die Forschung kein Schaden
Die Professoren bekommen die Quittung für Abschottung, Vetternwirtschaft und Konservatismus
Das althergebrachte Berufsbild des Nationalökonomen ist im
Niedergang. Darin waren sich die Teilnehmer an einer Diskussion unter
Bankanalysten und Fondsmanagern, Volkswirtschaftsprofessoren und Vertretern
forschender staatlicher Einrichtungen weitgehend einig. "Der Arbeitsmarkt für
Ökonomen ist segmentiert zwischen akademischer Forschung und Ausbildung,
staatlichen Stellen und der Privatwirtschaft: alle drei Bereiche schrumpfen",
sagte Beatrice Weder di Mauro, Professorin für Internationale
Volkswirtschaftslehre an der Uni Mainz, auf der gemeinsam von der Financial Times
Deutschland und der Personalberatung Transearch organisierten Veranstaltung.
Während an den Universitäten die betriebswirtschaftlichen
Fachbereiche aus allen Nähten platzen und Fachhochschulen für
Betriebswirtschaftslehre (BWL) überall sprießen und expandieren, fehlt den Volkswirtschaftlern
der Nachwuchs, so dass ihre Fachbereiche zu Gunsten der BWL ausgedünnt
und vereinzelt schon geschlossen werden.
"Betriebswirte sind meist praxisorientierter"
"Ich bevorzuge Betriebswirtschaftler mit volkswirtschaftlichen
Kenntnissen", sagte auf der Veranstaltung selbst der Chefvolkswirt eines wichtigen
Notenbankinstituts: "Betriebswirte sind meist praxisorientierter", meint der Volkswirt.
Im privatwirtschaftlichen Bereich, wo vor allem die Finanzbranche zu
den wichtigsten Arbeitgebern gehört, macht die zunehmende
Kurzfristorientierung der Finanzmärkte den Volkswirten das Leben schwer. Auf die kurze bis
mittlere Frist, die Finanzmarktteilnehmer vorrangig interessiert, richten sich
viele Märkte herzlich wenig nach den Fundamentalanalysen der Volkswirte.
Fondsmanager, deren Erfolg in Dreimonatsintervallen überprüft wird, können nicht
warten, bis die Vorhersagen der Volkswirte eintreffen - wenn sie denn
eintreffen.
"Die Volkswirte liegen mit ihren Prognosen immer falsch", meinte ein
Fondsmanager. Für ihn sind Volkswirte Sparringspartner, um die eigenen Ideen zu
überprüfen. Doch immer mehr Institute stellen den Kostenfaktor
"Volkswirtschaftliche Abteilung" auf den Prüfstand. Die am Markt agierenden Kollegen, die
das Geld machen und deshalb das Sagen haben, wollen nicht nur im
Monatsrhytmus mit Publikationen zu diesem und jenem beliefert werden, sondern
wollen ihre Sparringspartner vor Ort haben. Sie sollen ihnen täglich mit
Ideen und Einschätzungen zur Seite stehen.
Jobchancen für Schnelldenker
Für die Volkswirte bedeutet das neue Verdienstperspektiven. Denn in
den marktnahen Teams der Banken werden ganz andere Gehälter bezahlt als
in den traditionellen Volkswirtschaftlichen Abteilungen. Dafür wird
jedoch etwas von ihnen verlangt, wofür sie nicht ausgebildet worden sind -
und was vielen gegen den Strich geht. Sie müssen sich einlassen auf die
Launen des Marktes und in ungewohnt kurzen Zeiträumen denken. Ganz zu
schweigen davon, dass der Stressfaktor in der Nähe des Handelsraums ungleich
höher ist als in der geruhsamen Stabsstelle.
Volkswirte, die dieser Herausforderung gewachsen sind und sich ihr
stellen, gibt es nicht viele. Denn der typische Volkswirt ist ein Denker, fast
ein Philosoph, jedoch kein Macher. Wer sonst würde sich ein Studienfach
aussuchen, das sehr hohe Anforderungen an das analytische Denken und an das
Abstraktionsvermögen stellt - mit unterdurchschnittlichen Erlöschancen und sehr begrenzten
Anwendungsmöglichkeiten des Gelernten.
Wenn sich die Universitäten damit bescheiden, langfristig und
möglichst noch ordnungspolitisch denkende Nationalökonomen für einen
rückläufigen Arbeitsmarkt auszubilden, schrumpfen sie sich in eine Rolle hinein,
die ihrem Verständnis von der Bedeutung eines traditionsreichen Fachs
nicht entspricht.
Für manchen Studenten, der andernfalls vielleicht einen mittelmäßigen
Volkswirtschaftsabschluss erzielt und danach Versicherungen verkauft hätte, ist das Schrumpfen
der volkswirtschaftlichen Fakultäten ein Segen. Ein mittelmäßiger
Volkswirt hat es sehr viel schwerer auf dem Arbeitsmarkt als ein mittelmäßiger
Betriebswirt. Ganz abgesehen davon, dass ein mittelmäßiger Volkswirtschaftsstudent
wahrscheinlich ein gutes BWL-Diplom geschafft hätte.
Auch für die volkswirtschaftliche Forschung ist es kein Unglück, wenn
die deutschen Volkswirte weniger werden. Hierzulande dominiert in der
Forschung ohnehin das untere Mittelmaß. Der deutsche Sprachraum ist gerade groß=20
genug, dass man darin geschützt von der internationalen Konkurrenz
publizieren kann. Einige öffentlichkeitsbewusste Koryphäen der deutschen
Nationalökonomie tun sich sehr schwer damit, einen Artikel in einer angesehenen
internationalen Fachzeitschrift unterzubringen.
Bollwerk gegen die Konkurrenz
Die Habilitation - die Voraussetzung zur Berufung als Professor -
trägt entscheidend dazu bei, die Abschottung von internationaler Konkurrenz
aufrecht zu erhalten. Denn sie sorgt dafür, dass Netzwerke der alten Herren
und Günstlingswirtschaft die Nachwuchsfrage regeln.Zwar ist die
Habilitation kein spezielles Problem der Volkswirte. Da in diesem Fach jedoch
"Denkschulen" oder, weniger vornehm ausgedrückt, Ideologien eine große Bedeutung
haben, wirken sich die Seilschaften besonders fortschrittsbehindernd aus.
Für gute Nachwuchswissenschaftler sind die USA viel attraktiver, wo
Leistung mehr zählt als Beziehungen. Und auch für angehende Bankvolkswirte ist
ein Studium abseits des Miefs von tausend Jahren deutscher Hochschulen
ein wertvolles Asset.
"Es ist besonders schwer, gute deutsche Volkswirte mit
angelsächsischem Hintergrund zu finden," sagte etwa Luigi Buttiglione von Barclays
Capital. Er empfiehlt den deutschen Studenten, es den italienischen gleich zu
tun, und in großer Zahl mit den Füßen abzustimmen. Mindestens eine Zeit
lang in den USA oder in Großbritannien studiert zu haben, hält er in
seiner Branche für ein Muss.