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Der schöne Schein


Christian Merkl Wo steht Deutschland im internationalen Bildungsvergleich? Eine spannende Frage, die ich vor ein paar Monaten rein ntuitiv noch mit "vermutlich im oberen Mittelfeld" beantwortet hätte. Ein Studienaufenthalt in den USA und der Schüleraustausch mit einer französischen Partnerschule sind die Erfahrungen, auf die ich dabei zurückgreifen konnte. In beiden Fällen hatte ich nicht den Eindruck, dass die deutschen Schüler und Studenten den französischen oder amerikanischen im analytischen Bereich unterlegen seien. Verglichen mit den Amerikanern haben wir zudem eine viel größere Fremdsprachenkompetenz. Darin übertreffen uns allerdings noch die viel sprachgewandteren Skandinavier oder Beneluxler, so mein eigener Erfahrungsschatz.

Die nackten Fakten
Soweit zur intuitiven Wahrnehmung. Die Empirie erzählt eine andere Geschichte: Deutschland liegt im internationalen Vergleich im unteren Mittelfeld. Zu diesem Ergebnis kam die "Third International Mathematic and Science Study" (TIMSS), die in verschiedenen Ländern die Leistungen in Mathematik- und Naturwissenschaften vergleicht. 70 Prozent der deutschen Schüler beherrschen nur einfache Routinen. 30 Prozent erreichen nicht einmal ein niedrig definiertes Niveau mathematischer Grundausbildung. Das Urteil im Bereich der Naturwissenschaften fällt ähnlich vernichtend aus.

Deutschland unter den Schlusslichtern
Gehört Deutschland im internationalen Vergleich zu den Schlusslichtern? Diese Frage stand beim dritten Werkstattgespräch von "McKinsey bildet" im Vordergrund. In dieser Diskussionsreihe will die Unternehmensberatung verschiedene Aspekte des deutschen Bildungssystems beleuchten und eine öffentliche Debatte anregen. Eingeladen sind jeweils engagierte Studenten und Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur. Am 30. Oktober referierte Professor Dr. Jürgen Baumert, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, über Deutschlands Position im internationalen Bildungsvergleich. Das Ergebnis: Schweden, Finnland, Frankreich oder die Niederlande - fast alle schneiden besser ab als Deutschland.

Dichter statt Denker?
Vielleicht sind die Deutschen ja nur im Bereich der Mathematik und Naturwissenschaften nicht besonders gut. Wenn schon nicht Dichter und Denker, sind wir vielleicht wenigstens gute Dichter? Diesbezüglich machte Baumert wenige Hoffnungen. Auch bei Studien in anderen Bereichen schneidet Deutschland nicht glanzvoll ab. Weitere Aufschlüsse wird übrigens die PISA-Studie (Programme for International Student Assessment) geben, die im Dezember veröffentlicht wird.

Einäugige und Blinde
Wieso klaffen meine persönliche Wahrnehmung und die Wirklichkeit so weit auseinander? Ich habe Deutschland hauptsächlich mit den USA verglichen. Die Vereinigten Staaten schnitten aber bei TIMSS auch nicht gerade hervorragend ab. Meine Wahrnehmung ist wohl nur ein Ergebnis der eingeschränkten Vergleichsperspektive. Oder anders ausgedrückt: Unter den Blinden ist der Einäugige König.

Denkanstöße für eine neue Bildungspolitik
Wir sollten uns auf keinen Fall zurücklehnen, nur weil das wirtschaftlich und politisch weltweit mächtigste Land ähnlich schlechte Ergebnisse hat wie Deutschland. Unser Bildungssystem braucht Reformen! Manche Bundesländer gehen schon mit gutem Beispiel voran, man denke nur an die Abschaffung des 13. Schuljahres. Es ist allerdings noch viel politischer Druck notwendig, um in der föderalen Struktur Deutschlands Reformen flächendeckend durchzusetzen. Durch "McKinsey bildet" kommen Studenten und Entscheidungsträger zusammen und werden die Debatte als Multiplikatoren weiter in die Öffentlichkeit tragen. Ein erster Schritt ist somit getan. Jetzt gilt es, nicht stehen zu bleiben.


Mehr Informationen gibt es unter www.mckinsey-bildet.de