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8. September 2000: Ich bin noch nicht einmal 14 Tage in Detroit. Wenn ich auf die bisherigen Erlebnisse zurueckblicke, kommt mir der Zeitraum weitaus laenger vor. Fuer mich ist es im Moment kaum vorstellbar, dass ich vor gut zwei Wochen noch im Schaetzlerbad in Weiden lag und vor vier Wochen noch Pruefungen in Nuernberg schrieb. Entsprechend schwierig ist es auch, die Gedanken, die mir rueckblickend durch den Kopf schiessen, in eine ansprechende Form zu bringen. Ich habe fuer folgendes entschieden:
Die ersten 14 Tage in Stichworten
Ankunft: Nachdem ich die freundlichen Beamten bei der Passkontrolle passiert hatte, kam mein erster Kulturschock. Gemeinsam mit Kathrin begab ich mich auf die Strassen der Weltautohauptstadt. Strassen ist wohl eher etwas beschoenigend. Der Weg nach Detroit Downtown aehnelt eher einem Schlachtfeld oder einem Fleckerlteppich, der mit Schlagloechern uebersaet ist. Der Wegrand der Interstate 94 ist mit kaputten Autos und Autoteilen verziert. Die Kanadier, bei denen ich fuer eine Woche zur Untermiete einzog, warnten mich erst einmal vor bestimmten Stadtteilen. Bei den Ausfluegen in der ersten Woche wurden uns die schoenen und haesslichen Seiten Detroits bewusst. In Downtown ist zu sehen, dass Detroit vor ein paar Jahrzehnten eine bluehende Metropole war. Beim Anblick der ausgebrannten Haeuser und heruntergekommenen Passagen blutet einem das Herz. Die schoenen Punkte haben sich von Downtown in die Vororte wie Grosse Pointe verlagert. Dort herrscht Sauberkeit, Recht und Ordnung. Der Reichtum sticht einem geradezu ins Auge. In meiner zweiten Vorlesung in Urban Economics lernte ich, dass die Vororte mit bestimmten Verordnungen versuchen, weniger wohlhabende Mitbewohner fernzuhalten. So gibt es zum Beispiel die Vorschrift Grundstuecke erst ab einer Groesse von zwei Acres bebauen zu duerfen. Erschwinglich ist das natuerlich nur mit dem entsprechendem Kleingeld.
Ausfluege: Vor allem in der ersten Woche waren wir ziemlich viel mit unserem Mietwagen unterwegs. Unter anderem an den Niagara-Faellen (fuenf Stunden einfache Fahrt), in einigen Shopping-Malls, in Windsor (die Nachbarstadt in Kanada), in Frankenmuth (ein kitschiges nachgestelltes deutsches Dorf), an einem der grossen Seen, auf Belle Isle (eine Detroit vorgelagerte Halbinsel) und in den Vororten von Detroit.
Auto: In Deutschland bewege ich mich groesstenteils mit dem Fahrrad fort. In Detroit ist "bike" ein Fremdwort. Schon allein aus Sicherheitsgruenden ist ein Auto ein "must". In der zweiten Woche erstanden Thomas, Kathrin und ich einen 1993er Ford fuer 2,100 Dollar. Angeblich ist er mit einem neuen Motor ausgestattet. Zwar haben wir einen Beleg. Verlassen will ich mich darauf allerdings nicht. In Amerika wird beim Gebrauchtwagenverkauf oft mit gezinkten Karten gespielt. Es bleibt zu hoffen, das die Kiste acht Monate ohne groessere Reperaturen laeuft.
Buerokratie: Vermutlich noch ausufernder als in Deutschland. Auf den Behoerden scheinen die Sachbearbeiter ueberhaupt keine Kompetenzen zu haben. Wegen jeder Kleinigkeit muss der Manager gerufen werden.
Fortgehen: Rund um das Unigelaende sind einige Kneipen verteilt. Leider ist das Bier bei dem Dollar-Kurs natuerlich nicht gerade billig, selbst im Supermarkt. Alltaeglich Kneipentouren waeren fuer mich deswegen leider unbezahlbar. Aber ein Bier mit ein paar netten Leuten im Wohnheim ist ja auch nicht zu verachten.
Menschen: Von der Verkaeuferin bis zum Professor wird in Amerika Freundlichkeit viel groesser geschrieben als in Deutschland. Small-Talk an der Kasse ist zum Beispiel Gang und Gaebe. Ob es sich dabei nur um oberflaechliche Freundlichkeit handelt, kann ich bisher noch nicht beurteilen.
Preise: Wuerg! Naechster Punkt bitte! Ich traue mich schon gar nicht mehr mit der Kreditkarte zahlen, da ich befuerchten muss, da bis zum 15. (Kreditkartenabrechnung) der Kurs des Euro wieder ein gutes Stueck abgerutscht ist.
Sicherheit: Trotz der hohen Kriminaltitaetsrate fuehle ich mich nicht unsicher oder unwohl in Detroit. Anders als in Europa ist es jedoch nicht moeglich, sich in jede Gegend zu Fuss zu bewegen. Das Unigelaende ist von einer Unipolizei bewacht. Ausserdem sind am Campus Notrufsaeulen angebracht. Fuer mich als Europaeer am Anfang etwas ungewohnt.
Sport: Vor einer Woche hat am Unigelaende ein brandneues Fitness-Studio eroeffnet, das die Wayne State University fuer 15 Millionen Dollar hingeklotzt hat. Und das Beste dabei: Mit Uniausweis ist der Eintritt frei. Auf Joggen habe ich hier bis jetzt verzichtet. Ich kann mir schliesslich gesuendere Dinge vorstellen als durch Downtown zu laufen. Ein grosser Park ist leider nicht in der Naehe. Und uebers Unigelaende laufen, will ich dann doch nicht. Tja, Basketball zu spielen habe ich bis jetzt auch nicht gewagt. Vermutlich wuerde ich mich in Amerika dabei ziemlich blamieren. Voerst bleibt es deswegen beim Fitness-Studio oder dem einen oder anderen Jogging-Ausflug in einen der Vororte.
Sprache: Da bei mir am Department sehr viele deutsche Austauschstudenten unterwegs sind und ich mit einem Deutschen zusammen wohne (uebrigens alle sehr nett), wird sich mein Englisch vermutlich leider nicht in dem Ausmass verbessern wie ich mir das urspruenglich gewuenscht hatte. Es bleibt zu hoffen, dass ich im Laufe der Zeit neben dem Small-Talk vor und nach den Veranstaltungen, den Vorlesungen und den alltaeglichen Dingen (Einkaufen etc.) mehr mit Native Speakern in Kontakt komme. Groessere Verstaendigungprobleme gab es bisher zum Glueck noch keine; weder in Vorlesungen noch im Alltag. Natuerlich ist es immer wieder mal notwendig nachzufragen. Und meine englischen Formulierungen sind sicherlich auch nicht das Gelbe vom Ei. Aber sie werden zumindest verstanden.
Uni: "Completely different". In Deutschland wuerde ich vermutlich nicht mal auf die Idee kommen, bei einem Professor an der Tuer zu klopfen und mich nach den Inhalten seines Kurses zu erkundigen. Hier wird eine derartige Aktion sogar noch mit Saetzen wie "Thank you for visiting me" kommentiert. In der ersten Stunden erkundigten sich die Profs ausnahmslos, ob ihre Sprechstunden denn auch in den Stundenplan der Studenten passt. Einer bot auch gleich in der ersten Stunde an, ihn mit Vornamen anzusprechen. Ich muss jedes Semester 16 Credits ablegen, summa summarum 32 Credits. Normalerweise muesste ich dafuer als Michiganer etwa 7,000 Dollar und als nicht-Michiganer rund 14,000 Dollar berappen (dem DAAD sei dank, dass er erstere Summe fuer mich uebernimmt). Im ersten Semester habe ich International Trade auf 5000er Level (Undergraduate-Niveau), Econometrics und Price and Allocation Theory auf 6000er Level (Graduate-Niveau) sowie Urban Economics auf 7000er Level (Ph.D.-Niveau) belegt. In den Classes sitzen meistens etwa zehn bis fuenfzehn Leute. Jeder Kurs nimmt in etwa vier Zeitstunden pro Woche in Anspruch. Anders als in Deutschland genuegt es nicht, am Ende des Semesters Vollgas zu geben. Hier stehen neben den Final Exams ein bis zwei Midterm-Exams, Assignments, Papers, Presentations, etc. an. Das Economics Department verfuegt ueber eine relativ gute Ausstattung an Computern. Demnaechst werde ich ein Passwort bekommen, um 24 Stunden Zugang zum Computer-Lab zu haben (etwa 15 Minuten zu Fuss von meinem Wohnheim entfernt). In Deutschland wohl undenkbar.
Wohnen: Ich wohne zusammen mit Thomas Kick (deutscher Ph.D.-Student) im elften Stockwerk des University Towers. Die Wohnung duerfte sogar etwas groesser sein, als meine Nuernberger Bude. Zudem hat sie zwei Badezimmer und eine Klimaanlage. Leider war das Apartment "unfurnished", das heisst ich musste mir erst mal das Notwendigste an Moebeln besorgen. Ein paar Sachen waren zum Glueck auch noch von unseren Vorgaengern da. Einziger Hackenfuss: Wir haben "Cockroaches". Diese lieben Haustierchen bekaempfen wir mit Insektenspray und Kammerjaeger. Mal schauen, ob das dauerhaft hilft.
Resuemee: Mein Amerika-Aufenthalt ist bisher eine aeusserst positive Erfahrung, wenngleich ich dem amerikanischen Modell nicht ganz unkritisch gegenueber stehe. Ich freue mich auf die naechsten Wochen, auch wenn sie etwas arbeitsaufwendiger werden.